Beispiel aus dem Buch · Der andere Pol des Raumproblems
Sarah: Wenn nur drei von hundert Türen offen bleiben
34 Jahre, Projektleiterin. „Ich bin einfach zu kontrolliert, das weiß ich selbst" — und doch fährt sie seit ihrem achtzehnten Lebensjahr allein und ungeplant mit dem Motorrad los, manchmal für ein ganzes Wochenende.
Sarah sagte im ersten Gespräch mit Michael Blanz: Ich bin einfach zu kontrolliert, das weiß ich selbst. Mit der Zeit zeigte sich ein präziseres Bild: Sarah konnte loslassen — aber nur, wenn absolut sicher war, dass nichts schiefgehen konnte. Diese Sicherheit gab es fast nie. Also kontrollierte sie weiter, nicht weil sie es wollte, sondern weil ihr System keinen anderen Weg kannte, sich sicher zu fühlen.
Und doch, eine Unstimmigkeit machte stutzig: Sarah fuhr, seit sie achtzehn war, allein mit dem Motorrad los, ohne Route, ohne Ziel, manchmal für ein ganzes Wochenende. Keine Reservierung, keine Karte, nur die Ansage an eine Freundin, wann sie spätestens zurück sein wollte. Die Kontrolleurin aus dem Büro und die Frau auf dem Motorrad wirkten wie zwei verschiedene Menschen — und waren es in gewisser Weise auch: dieselbe Person, aber in zwei völlig unterschiedlichen Räumen mit völlig unterschiedlichem Zugang zu Sicherheit.
Eine selbst errichtete Raumbegrenzung
Ein Mensch mit ausgeprägtem Perfektionismus lebt oft nicht in einem objektiv kleinen Haus. Sarahs äußerer Lebensraum war durchaus großzügig. Was klein wurde, war der selbst erlaubte Teil davon. Von hundert grundsätzlich möglichen Handlungen erlaubte sie sich manchmal nur drei — nicht weil die anderen siebenundneunzig Türen fehlten, sondern weil sie sie sich selbst verschloss, aus der geübten Überzeugung heraus, nur die drei sichersten Türen könnten kein Scheitern und damit keine Ablehnung nach sich ziehen.
Niemand von außen hat diese Wände gezogen, jedenfalls nicht mehr aktuell. Aber sie standen trotzdem, oft so überzeugend gebaut, dass sie sich wie feste, unveränderliche Grenzen des Hauses anfühlten — nicht wie etwas, das einmal selbst errichtet wurde und deshalb auch wieder verändert werden kann.
Drei Formen von Perfektionismus
Die Psychologen Paul Hewitt und Gordon Flett zeigen, dass Perfektionismus sich in mindestens drei Formen zeigt: selbstbezogen (übermäßig hohe, selbst gesetzte Ansprüche), fremdbezogen (übermäßig hohe Ansprüche an andere) und sozial vorgeschrieben — für Sarahs Geschichte besonders relevant: das Erleben, dass andere unerreichbar hohe Erwartungen stellen, und die eigene Sicherheit davon abzuhängen scheint, diese zu erfüllen. Perfektionismus entsteht fast immer im Wechselspiel mit einem sozialen Umfeld, mit Erwartungen, die irgendwann so tief verankert sind, dass sie sich anfühlen wie die eigene Stimme, obwohl sie ursprünglich von außen kamen.
Ordnung als Ressource, nicht als Fessel
Sarah verdankte ihrer Sorgfalt echte berufliche Erfolge, echte Anerkennung, echte Kompetenz. Problematisch wird Ordnung nicht durch ihre bloße Existenz, sondern an einer ganz bestimmten Stelle: dort, wo sie nicht mehr gewählt, sondern zwingend benötigt wird, um sich überhaupt sicher zu fühlen. Der Unterschied zwischen „Ich mag Struktur" und „Ohne Struktur kann ich mich nicht sicher fühlen" ist derselbe wie zwischen „Ich plane gerne" und „Ich kann nichts tun, solange ich nicht alles geplant habe". Im ersten Fall ist Struktur eine Tür unter vielen. Im zweiten Fall ist sie die einzige Tür, die überhaupt noch offensteht.
Wahlfreiheit statt weniger Kontrolle
Auch hier war das Ziel nicht, weniger Kontrolle, weniger Sorgfalt oder weniger hohe Ansprüche zu erreichen — Sarahs Gründlichkeit und ihr Sinn für Verantwortung sind echte Stärken, die ihr weiterhin dienen sollen. Es ging darum, dass mehr Türen tatsächlich zur Wahl stehen: auch die Tür zum bewussten Unperfektsein, auch die Tür zum Delegieren, auch die Tür zum Vertrauen.
Sarah, ein letzter Blick
An Sarahs grundlegender Persönlichkeit hat sich nichts verändert. Sie ist weiterhin eine gründliche, verantwortungsbewusste Person. Was sich verändert hat: die Anzahl der Türen, die sie sich selbst erlaubt, ihre Fähigkeit, kleine Dosen von Nichtwissen auszuhalten, ohne sofort zu kontrollieren, und ihr wachsendes Verständnis dafür, dass ihre einst notwendige Wachsamkeit gegenüber Fehlern niemals ein Charakterfehler war. Auf die Frage, wie sie es schaffte, allein auf einer ungeplanten Straße zu fahren, ohne zu wissen, wo sie übernachten würde, antwortete sie fast immer dasselbe: Dort geht es nur um mich. Hier hängen andere von mir ab. Genau an diesem Satz — nicht an ihrer angeblichen Kontrollsucht — wurde am Ende gearbeitet.
Beide Geschichten ausführlich, mit allen Zwischenschritten: Kapitel 1 stellt Lukas und Sarah vor, Kapitel 23 „Überkontrolle im Pendelmodell" vertieft Sarahs Geschichte im kostenlosen Webreader.